Aus: Gespräche mit Yasin

Sagen Sie jetzt nicht, Sie hätten es nicht gewusst. Es war doch klar: es würden nicht nur die schönen wackeren jungen Männer kommen, mit denen man (und Frau) gerne in der U-Bahn flirtet, die mal vielleicht auch in 4 Blocks landen, und in ihrer prachtvolle Wildheit unsere Fantasie über den Bello e impossibile aus dem Nahost hoch schwingen lassen.

Und es würden auch nicht nur Syrer auf der Flucht vor Krieg, Gewalt, Unterdrückung und Zerstörung kommen, sondern auch ein paar kriminelle Libyer auf der Flucht vor Gesetzen, Kosovaren auf der Flucht vor hohen Zinsen für Baukredite, minderjährige Tunesier auf der Flucht vor der Schule, und diverse andere dubiose (un)menschliche Gestalten.

Viele, die aus biographischen Gründen nicht mit einem syrischen Pass ausgestattet waren, hatten alles darauf gesetzt, um syrisch zu werden, oder zumindest, syrisch zu erscheinen. Jeder Youtuber weiß es.

Es kamen auch Damen, wie die sogenannte Umm Meruan. Diese erklärte dem Al Jazeera Channel, sie habe es doch überlegt: lieber stürbe sie unter den Bomben, statt ihre Töchter in Frieden und ohne Kopftuch in Europa aufwachsen zu lassen. So kehrte Sie mit der ganzen Familie zurück nach Idlib, die bigotteste Provinz der Welt, nach Bad Tölz. Wunder der Konsequenz. Und des Fanatismus.

Ganz zu schweigen, von denjenigen echten Syrern, die hinter sich ein Leben im Geheimdienst oder in den Folterschwadronen des Regimes zurückließen, um einen frischen Start in Europa zu wagen – und mit leichtem Fuß durch das Refugee Welcome-Hip Hop durchflanierten.

Und jetzt mal ehrlich! Hätten Sie mal den Schreibtisch mit einem Mitarbeiter des BAMF oder des LaGeSo Berlin getauscht? In den Tagen des Wahnsinns, als eine schreiende mehrsprachige Horde vor ihnen stand, die ernährt, logiert und sortiert werden musste: „Bitteschön, hier die ehrlichen Zivilisten, die ISIS-Anhänger dort drüben, bitte!“.

So kann ich es den Beamten vom BAMF nicht verübeln, wenn sie doch noch einen Blick darauf werfen wollen. Man weiß ja nie.

Worauf, meinen Sie? Auf den syrischen Reisepass von Yasin.

Yasin gehört zu denjenigen, die die Gefängnisse der Assad-Familie von innen besichtigen durften, sich ein paarmal in der Schusslinie der Scharfschützen befanden, kurz gesagt, dem Tod nur knapp entwischt sind.

Inzwischen hat sich sein Vermögen erweitert, er ist nun im Besitz eines hellblauen Reisedokuments, eine Farbe, die der Pantone-Niagara sehr ähnlich scheint, und ihn zweifellos als Flüchtling definiert.

Wie der Duden erklärt, das Suffix –ling hebt eine bestimmte Eigenschaft hervor: Neuling, Findling, Jährling, Feigling, Prüfling, dabei wird die so definierte Person mit einem Hauch von Unvollkommenheit – manchmal leicht negativ – versehen.

Ein einziges Suffix, um das Meer der Unsicherheit, Angst, Demütigung zu beschreiben. Die Schlepper und die marodierenden Boote, die Einen, die ihre Seele in das Mittelmeer kotzen, Die Anderen, die heute noch in einem improvisierten KZ in Ungarn, Kroatien oder Serbien rasten, wo sie bei dem Komfort und den Behandlungen dort den syrischen Gefängnissen nachtrauern. Das alles, wenn sie nicht zwischen Sabratha und Lampedusa ersoffen sind.

Magie der deutschen Sprache.

Yasin hat sich außerdem allen Tests unterzogen, und unter Beweis gestellt, dass er für das Leben in Deutschland taugt. Er ist integriert!

Yasin hat einen Job, wofür er unterbezahlt und überqualifiziert ist, wie zwei Drittel der Europäer. Willkommen!

Also ich kann es ihm nicht verübeln, wenn er sich manchmal nicht so ganz willkommen fühlt; das –ling begleitet in diesen Momenten seine Tage wie die Plakette eines Hundes.

Mir wäre auch schaurig, würde ich lesen, dass bei fehlender Mitwirkung mir eine Geldstrafe bis 25.000 Euro angedroht wird, alternativ zwei Wochen Knast.

Er möge doch bitte noch einmal den ultramarinblauen und in Gold kalligrafierten Tausend-und-eine-Nacht-beschwörenden museumswürdigen syrischen Pass den Behörden zur erneuten Kontrolle vorlegen.

„Nur zur Sicherheit… Nein, wirklich nichts zu befürchten…“. Denn man will ja endlich die guten, echten, pedigreehaften Syrer von den Schwindlern endgültig trennen. Irgendwann muss man ja Ordnung im Schrank schaffen.

„Wie? Der Herr arbeitet? … Ja natürlich, Sie können auch selbst den Pass zur Überprüfung abgeben“.

An einem kalten Februarmorgen, im eisigen Ostwind fechte ich der Truppe aus dem spanischen Kindergarten im Abmarsch zum Spielplatz entgegen, überquere gefährliche Hundeleinen, die den Fußweg versperren, bewaffnet, mit einer Kanne voll Thymiantee und einem syrischen Pass, Richtung Bundesamt für Migration und Flüchtlinge steuernd.

Das Röntgen-Band kenne ich vom Flughafen Schönefeld. Der Wachmann ist jedoch hier netter, verständnisvoller und sympathischer. Die Dame, die meine Tasche durchsuchen muss, wartet geduldig, bis ich checke, dass ich diese doch öffnen sollte, es ist ein angenehmer zuvorkommender Mitarbeiter, der mich zum Schalter eskortiert, hinter dem die Angestellten sich liebevoll zum Dienstwechsel umarmen.

Der Warteraum ist hell, in warmen Farben gestaltet, im Fernseher läuft ein Programm auf Albanisch. In diesen wattierten Räumen ist die Welt suspendiert.

Und dann kommt die Unsicherheit. Am Morgen werde ich den Responsus erhalten. Tausende Fragen ringen in meinem Kopf: „Und was, wenn es Probleme gibt?“ Es wird keine Probleme geben, der Pass ist echt. Diese Aberration der Bürokratie muss man durchleben, erst dann hat man Kafka wirklich verstanden.

Der Morgen kommt. Er ist sonnig und mild. Es ist Valentinstag.

Am Eingang vom Amt steht die Familie Simpson von Moldawien. Ein Wachmann, der auch als Dolmetscher fungiert, bemüht sich, zu erklären, dass dies nicht das Sozialamt ist. Es wird nicht leicht. Ich möchte die Geschichte weiter verfolgen, doch ich werde vorgelassen. Keine zwei Minuten: Der Beamte steht schon wieder hinter mir, er händigt mir den Pass von Yasin aus.

„Und jetzt bleibt nur das Gespräch!“

„Wie, welches Gespräch? Habe ich nicht erwähnt? Yasin hat eine Ladung zur Befragung erhalten. Sein „Schutzstatzus“ wird überprüft.

„Nur eine Routine, da müssen alle durch“ Man muss die aktuelle politische Lage in Syrien einschätzen… Schon stelle ich mir Yasin vor, während er vor einem gelangweilten Beamte den Politologen spielt.

Ich denke an Umm Meruan und atme gut durch. In meinem Kopfkino läuft gerade Alles unter Kontrolle! Die Simpsons plaudern weiter mit dem Wachmann-Dolmetscher.

Es gehört dazu: das Ungewisse, das zwischen den Welten suspendiert zu sein scheint, das Pantone-Niagara im Leben, das -ling Suffix der Unvollkommenheit.

„Du wirst nie wieder derselbe sein“, sagte damals ein Psychologe im Aufnahmelager.

Wir alle werden nie wieder dieselben sein. Dieser Krieg hat ein Land zerstört, die Menschen deplatziert, umsortiert, die Welt wieder durchmischt wie Blätter im Herbstwind.

Auf dem Weg nach Hause kommen mir zwei junge Männer entgegen, schwarze Haare, Vollbärte, bescheiden gekleidet. Noch weitere zwei Flüchtlinge aus Syrien, wette ich. Beim Vorbeigehen schnappe ich Fetzen ihrer Konversation auf, es geht um Jobs, im Restaurant. Ich verstehe ihre Sprache. Sie reden nämlich Italienisch, mit einem Akzent aus dem Norden.

Yasin lacht im Kerzenlicht. Er neigt dabei den Kopf leicht nach hinten, vor ihm eine Tasse englischen Tee. Seine perfekt geschnittenen, dunkelbraunen Augen scheinen über dem hellbraunen Teint seines entspannten mediterranen Gesichtes.

Er ist echten Schüssen ausgewichen, er hat das Meer überquert, er lebt.

Er ist wunderschön.

© Elisa Hermann 2019 – all rights reserved.

Editing: Detlef Lange.